Überblick
- Kombination von klassischen numerischen Methoden mit maschinellem Lernen für erhöhte numerische Effizienz und Genauigkeit
- Untersuchung verschiedener Methoden des maschinellen Lernens zur genauen Schätzung des kritischen Zeitschritts für explizite Zeitintegrationsverfahren
- Erweiterung der datenbasierten Zeitschrittschätzung auf komplexe finite Elemente und nichtlineare Simulationen durch innovative Samplingstrategien und Berücksichtigung zusätzlicher Einflussgrößen
Projektbeschreibung
Hintergrund
Explizite Zeitintegrationsverfahren sind essenziell für die Simulation dynamischer Systeme, etwa in der Strukturmechanik. Die Wahl des Zeitschritts beeinflusst maßgeblich die Stabilität, Genauigkeit und Rechenzeit der Simulation. Klassische Ansätze dafür basieren oft auf einfachen heuristischen oder analytischen Abschätzungen. Erste Untersuchungen zeigen, dass diese für viele Elementkonfigurationen weder genau noch konservativ sind. Dies kann zu ineffizienten oder instabilen Simulationen führen.
Zielsetzung
Ziel des Projekts ist die Entwicklung datenbasierter Zeitschrittschätzer, die durch Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernens den kritischen Zeitschritt von expliziten Finite-Elemente-Simulationen genau und konservativ abschätzen. Dadurch kann Rechenzeit eingespart, die Stabilität der Simulation gewährleistet und die Genauigkeit der Ergebnisse verbessert werden.
Anhand von vierknotigen Scheibenelementen konnte das große Potenzial dieses Ansatzes in Willmann et al. (2025): Data‐Based Estimation of Critical Time Steps for Explicit Time Integration gezeigt werden.
Methodik
Generierung von Daten
Alle möglichen Elementkonfigurationen können so in einen Parameterraum transformiert werden, dass Größen, die keinen Einfluss auf den kritischen Zeitschritt haben oder deren Einfluss einfach zu berechnen ist, eliminiert werden. Die Elemente werden dafür rotiert, verschoben und skaliert. Auf diese Weise entstehen 20 Mio. Elementkonfigurationen, die alle möglichen Elementformen repräsentieren, siehe Abb. 1. Für alle Konfigurationen wird das Eigenwertproblem gelöst und damit der dimensionslose kritische Zeitschritt als Referenzlösung berechnet.
Evaluation von Zeitschrittschätzern und optimale Sicherheitsfunktionen
Eine Hälfte des Datensatzes wird genutzt, um Zeitschrittschätzer aus der Literatur und aus kommerzieller Software auszuwerten, indem der geschätzte mit dem exakten kritischen Zeitschritt verglichen wird. Dabei wird ersichtlich, wie genau diese Schätzer sind und wie häufig sie nicht-konservative Ergebnisse liefern. Die Ergebnisse erlauben zudem die Ableitung optimaler Sicherheitsfunktionen für die verschiedenen Schätzer, die sicherstellen, dass alle Schätzungen konservativ und zugleich möglichst genau sind.
Neue, datenbasierte Zeitschrittschätzer
Mit der zweiten Hälfte des Datensatzes können verschieden Ansätze des maschinellen Lernens trainiert werden, um den kritischen Zeitschritt für beliebige Elementkonfigurationen abzuschätzen. Ein neuer Schätzer basierend auf einem neuronalen Netz, siehe Abb. 2, zeigt hierbei eine deutlich höhere Genauigkeit als alle bestehenden Ansätze, siehe Abb. 3. Des Weiteren ist auch eine Anpassung der datenbasierten Schätzer auf konkrete Simulationen möglich, um deren Genauigkeit weiter zu steigern.
Zentrale Fragestellungen
Das Projekt konzentriert sich auf drei zentrale Forschungsfragen, die für die Entwicklung robuster, datenbasierter Zeitschrittschätzer entscheidend sind:
Innovative Samplingstrategien und Erweiterung auf komplexe finite Elemente
Wie lässt sich die datenbasierte Zeitschrittschätzung auf komplexere finite Elemente, z. B. Volumen- oder Schalenelemente, übertragen? Hierfür werden innovative Samplingstrategien untersucht, die die Vielfalt möglicher Elementkonfigurationen möglichst effizient abdecken sollen. Ziel ist es, die datenbasierte Zeitschrittschätzung für praxisrelevante und geometrisch anspruchsvollere Elemente anwendbar zu machen.
Methoden des maschinellen Lernens zur Zeitschrittschätzung
Welche Verfahren des maschinellen Lernens – jenseits klassischer neuronaler Netze – eignen sich besonders für die Zeitschrittschätzung? Im Fokus stehen dabei Generalisierbarkeit, Robustheit und effiziente Echtzeit-Auswertung. Es werden Ansätze wie nichtlineare Regression, neuronale Netze oder symbolische Regression evaluiert, um die Vorhersagequalität zu maximieren, den Rechenaufwand zu minimieren, und eine Interpretierbarkeit der Schätzung zu ermöglichen.
Berücksichtigung zusätzlicher Einflussgrößen auf Systemebene
Welche Parameter – insbesondere bei nichtlinearen Simulationen – müssen in die Schätzung einbezogen werden, um den kritischen Zeitschritt auf Systemebene präzise zu bestimmen? Hier wird untersucht, wie geometrische Nichtlinearitäten, aktuelle Deformationszustände oder Materialparameter effizient integriert werden können. Ziel ist eine konservative und genaue Schätzung, die auch bei unstrukturierten Netzen und großen Deformationen zuverlässig funktioniert.
Veröffentlichungen
- Willmann, T. (2025). 3D-shell element technology, nonlinear poisson stiffening and data-integrated time step estimation [Doktorarbeit, Bericht Nr. 80. Institut für Baustatik und Baudynamik der Universität Stuttgart]. https://doi.org/10.18419/opus-16843
- Willmann, T., Schilling, M., & Bischoff, M. (2025). Data-Based Estimation of Critical Time Steps for Explicit Time Integration. International Journal for Numerical Methods in Engineering, 126, Article 4. https://doi.org/10.1002/nme.7666
Bearbeitung:
Maximilian Schilling
M. Sc.Akademischer Mitarbeiter
Lisa-Marie Reinken
M. Sc.Akademische Mitarbeiterin